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Bildungsforscher Keith Ballard aus den USA informiert sich über deutsches Bildungssystem

Deutschland als Vorbild für USA

Keith Ballard ist Lehrer an der Southwest Middle School in Kalifornien und begeistert von deutschen Schulen. Der Amerikaner stattete am 26.06.2013 der Realschule II Kronach einen Besuch ab. Er versteht die Kritik am Bildungssystem nicht.

„Wenn ich die Wahl hätte, würde ich meinen neun Jahre alten Stiefsohn in Deutschland in die Schule schicken", sagt Keith Ballard, Lehrer an der Southwest Middle School in Kalifornien bei seinem Besuch der Realschule II in fließendem Amerikanisch.
Sein Stiefsohn ist ein ganz normales Kind, nicht überbegabt, aber auch nicht dumm. Und in Deutschland würde er seinen Weg machen. Davon ist Keith Ballard überzeugt. In Amerika ist das schwieriger, vor allem für diejenigen, die nicht zur Top-Elite gehören.
In seiner Freizeit reist Keith Ballard durch aller Herren Länder und schaut sich dort die Schulen an. Er möchte Anregungen mit nach Hause nehmen, wie das amerikanische Schulsystem besser werden kann.
Keith Ballard war schon in Belgien, in der Schweiz, in Liechtenstein und in den Niederlanden. Er hat sich in Coburg ein Gymnasium angeschaut u nd war an verschiedenen Schulen in Duisburg. Derzeit ist er an der Realschule II in Kronach zu Gast. Als ihm Schulleiter Uwe Schönfeld anbietet, auch die anderen Schulen im Schulzentrum kurz zu besuchen - von der Förderschule bis zum Gymnasium, ist Ballard überglücklich.
Die Kontakte zu den Schulen findet Ballard über persönliche Beziehungen. So kannte ein Lehrer aus Kalifornien wiederum Keith Ballard und gleichzeitig die Realschullehrerin Nicole Meyer. Und so kam Keith Ballard dazu, einen Einblick in die Kronacher Schule zu werfen. Ballard schaute beim Unterricht zu und sprach mit Lehrern. Untergebracht ist er bei Bekannten. „Ich habe aber auch schon im Auto übernachtet", sagt Keith Ballard lachend und ist mit Feuereifer bei seiner Forschungsaufgabe. Die Reisen und die Aufenthalte zahlt er immer privat. Er war schon in Japan, Kanada, China und Indien. Im Juli will er nach Australien und Neuseeland, um dort die Schulen anzuschauen.
Gutes Niveau in Estland
Auch in Estland war er schon. „Estland ist auf einem sehr guten Niveau", sagt er. Und am Ende seiner Reisen ist er noch lange nicht. Im Oktober sind schon Reisen nach Finnland und Russland geplant. Und nächstes Jahr möchte Keith Ballard noch einmal Schulen in Singapur und Südkorea sowie Brasilien, Australien und Neuseeland besuchen. Zusätzlich sammelt er Informationen, schaut in die PISA-Daten und informiert sich über die Wissensvermittlung und das Level der Schulen.
Während des Unterrichts in Kronach versteht Keith Ballard zwar kein Wort deutsch, kommuniziert nur in Englisch. Doch schon nach dem ersten groben Überblick ist Keith Ballard begeistert. „Hier sind die Schüler noch ganz normal, in den USA gibt es sehr viel übergewichtige Schüler", fällt ihm auf. Das dreigliedrige System, das in Deutschland oft als veraltet betrachtet wird, findet Keith Ballard ziemlich gut. Der Grund: Für alle Schüler wird eine Ausbildung ermöglicht - für die, die eher handwerklich oder praktisch begabt sind, gibt es Praxisausbildung für handwerkliche Berufe oder für Berufe in der Industrie und für die anderen gibt es eine Ausbildung, die weiter geht und möglicherweise auf ein Studium vorbereitet.
Keith Ballard, der schon mehr als siebzig Mal in den großen amerikanischen TV-Sendern über das Schulsystem gesprochen hat und der mit seinen Schülern Bush und Clinton unterstützt hat, erhofft sich viele neue Erkenntnisse von seiner aufwendigen Recherchearbeit.
Chancen haben in Amerika nur in der Theorie alle Schüler, klagt Keith Ballard und ist schonungslos ehrlich.
„Drop-outs" sind ohne Chance
Amerika ist schon lange nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Im Gegenteil: Das Schulsystem ist schlecht und kümmert sich nicht um die, die unterhalb des Durchschnitts liegen. Die Schüler, die ihre Levels nicht schaffen, werden zu so genannten „ ;Drop-outs". Und sie bekommen in Amerika nicht einmal Jobs bei McDonald's oder andere schlecht bezahlte Aushilfsjobs. Der Teufelskreis nimmt seinen Lauf: Erst hängen die Kids ab - schon mit 14 oder 15 Jahren. Dann fangen sie an zu klauen und immer weiter geht es auf der schiefen Bahn. Denn auch die sozialen Absicherungen sind nicht so wie in Deutschland, erklärt Keith Ballard.
Da Keith Ballard ein Lehrer aus Überzeugung ist, sammelt er jetzt Informationen über Schulen in aller Welt - und möchte diese Erkenntnisse dann in einem Buch veröffentlichen. Er hat auch einen eigenen Videokanal, in dem er Videos aus Schulen aller Welt sammelt.
„Es ist schwer, etwas zu verändern, aber ich möchte es versuchen", sagt Ballard und ist auch überzeugt, dass er ein Umdenken erreichen und das er Einfluss geltend machen kann. Denn schon lange ist die Situation nicht mehr so rosig: Das Know-how in Silicon Valley stammt fast ausnahmslos auch China und Indien und a uch in anderen Wirtschaftsbereichen kauft sich die USA das Wissen ein.
Sie bleiben auf der Strecke
„Ohne die Chinesen und ohne die Inder gäbe es Silicon Valley gar nicht", so Ballard. Vor allem die Latinos und die Afro-Amerikaner haben keine Chance - und das, obwohl der Anteil dieser Bevölkerungsgruppen immens hoch ist, oft sogar die Mehrheit. „Die Leute kommen ganz einfach über die Tortilla-Grenze", erzählt Ballard - doch dann bleiben sie im amerikanischen System auf der Strecke.
„Es ist nur ein Traum, dass die Schüler aufsteigen können. Je höher sie kommen, desto größer werden die Lücken", kennt Ballard die Praxis. Einige Top-Privatschulen können an dem durchwegs schlechten Schulsystem auch nichts ändern.
„Was in Deutschland gut ist, ist die Hand-on-Mentalität", sagt Ballard. Unterschiede zwischen den nördlichen Bundesländern und Bayern kann er als Außenstehender nicht groß artig ausmachen. Auch an der Unterrichtsform hat Keith Ballard nichts auszusetzen. In den unteren Klassen ist gruppenorientiertes Lernen besser, in den höheren Klassen kann auch Frontalunterricht sehr gut sein. Doch Keith Ballard geht es gar nicht so sehr um Details, sondern eher um das System an sich. Und von einem System wie in Deutschland könne Amerika nur träumen, sagt er.
Und wie beurteilt Keith Ballard die deutschen Übertrittsregeln? „Nun, vielleicht ist zehn Jahre zu früh, in Belgien dividiert man die Schüler mit zwölf, in den Niederlanden mit 14 Jahren, aber das ist eigentlich egal, Hauptsache, sie finden alle ihre Schule und eine Ausbildung, die sie auf das Leben vorbereitet", sagt Keith Ballard.
Nurt 175 Schultage im Jahr
Zeit, um durch alle Welt zu reisen, hat Keith Ballard deshalb, weil in den USA nur an 175 Tagen Schule ist. In Deutschland gibt es 205 Schultage im Durchschnitt, in China wird sogar 260 Tage im Ja hr Unterricht gemacht - und der Unterricht dauert von morgens um halb acht Uhr bis halb sechs Uhr abends, erklärt Ballard. Er hat immerhin zehn Schulen in China und zwölf staatliche Schulen in Indien besucht. „Aber das chinesische System würde nicht funktionieren", erzählt er von seinem Schulbesuch in China. Dort laufen die Schüler sogar in den Pausen organisiert und in festen Gruppenformationen.
Das deutsche System ließe sich viel besser in Amerika etablieren. „Unser Problem ist, dass wir immer in einer Glaskugel sitzen", sagt Keith Ballard und ist überzeugt, dass sein Blick über den großen Teich Richtung Europa und in andere Länder eine Bereicherung für das amerikanische Schulsystem ist.
Keith Ballard hat übrigens schon mehr als 30 Lehrer-Preise bekommen. Besonders stolz ist er auf die Auszeichnung „Milken United States National Educator Award" vor zehn Jahren, der immerhin mit 25 000 Dollar dotiert war.

 

Sonja Adam - Neue Presse Kronach

 

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