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Die Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Toten

Schülerinnen und Schüler der Siegmund-Loewe-Schule besuchen die KZ Gedenkstätte in Buchenwald bei Weimar

„Die Deutschen wollen vergessen!", „Die Deutschen möchten einen Schlussstrich ziehen!" oder „Die Deutschen wollen sich gegenwärtigen Problemen stellen!", so oder ähnlich lauteten Anfang des Jahres zahlreiche Zitate aus dem Umfeld einer Bertelsmann Studie, die in einer repräsentativen Umfrage zu dem Ergebnis kam, dass die Mehrheit der Deutschen mit dem Holocaust und der Erinnerung daran abschließen möchte. Dies hätte zu jedem Zeitpunkt mit seiner Veröffentlichung für Schlagzeilen gesorgt. Doch ausgerechnet parallel zum siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz erschüttern diese Ergebnisse.


Bei der Planung der in jedem Schuljahr durch die Fachschaft Geschichte organisierten Fahrt zum Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar konnte keiner der Verantwortlichen ahnen, zu welchem brisanten Zeitpunkt Ende Januar dies stattfinden sollte. Bei klirrender Kälte fuhren die vier 10. Klassen mit ihren Geschichtslehrkräften, Frau StRin Jeannette Hofmann, Frau StRin Sabine Köstner, Herrn StR Jens Kodalle und Herrn StR Thomas Hauptmann, morgens von Kronach aus über die Autobahn nach Buchenwald in der Nähe der deutschen Kulturstadt (!), Weimar. In vier Gruppen wurden die Schülerinnen und Schüler über das Gelände geführt, dessen Konstrukteure es bewusst auf die extremere Wetterseite des Ettersberg gebaut hatten, um bereits so den Charakter und die Funktion dieses Konzentrationslagers zu unterstreichen. Das Perfide im System der NS-Diktatur fand so bereits in der Planungsphase seinen Ausdruck.


Zunächst befanden sich alle Gruppen noch außerhalb des Lagers im Bereich der ehemaligen SS-Kaserne, die auch ein Ausbildungszentrum für Hitlers Schergen gewesen ist. Über die „Rennbahn", eine Wegstrecke vom ehemaligen Bahnhof bis zum Eingangstour, die neue Häftlinge einem entsetzlichen Spießrutenlauf nach ihrer Ankunft aussetzte, gelangten die vier Schülergruppen durch das eiserne Eingangstor auf den riesigen, ungeschützten Appellplatz. Ein Blick und man konnte den Schriftzug auf dem Tor deutlich lesen: „Jedem das Seine", prangte da in roter Schrift. Bereits jetzt musste jedem klar sein, dass es den Verantwortlichen von Anfang an darum ging, jede Form von Menschlichkeit und Individualität zu vernichten. An diesem Ort wurden Menschen systematisch gebrochen und zerbrochen.


Das Grauen nahm auch in den Erzählungen kein wirkliches Ende und wurde von den stillen Schauplätzen entsetzlichen Martyriums untermauert. Vom Appellplatz ging es mit Blick auf die Freizeitanlagen der SS (!), u.a. einem kleinen Zoo mit Bärengehege, durch die Pathologie ins Krematorium. Letzteres hatte man errichten müssen, da das Krematorium in Weimar nicht länger in der Lage gewesen war, die riesige Zahl an Toten zu verbrennen. Immer wieder floss in die Vorträge ein, dass die Bevölkerung von diesem Lager und dem, was dort tagtäglich geschah, Kenntnis hatte. Viele SS-Angehörige wohnten in Weimar oder besuchten gar an Wochenenden oder Feiertagen den kleinen Zoo mit Blick durch den Zaun auf das Lagergelände. Ebenso profitierte mancher Betrieb wie selbstverständlich von der Existenz des Konzentrationslagers, ob es der örtliche Bäcker war, der den SS-Angehörigen Brot lieferte, oder das Unternehmen für Brennöfen, das sich ohne Skrupel anbot, als es darum ging, das Krematorium unter Umgehung geltender Begräbnisvorschriften mit Brennöfen neuer Bauart zu versorgen.
Erschütternd war der Einblick in das Lager, nicht minder erschütternd war jedoch der Einblick in eine Gesellschaft, die dies zuließ, tolerierte oder daran verdiente.


Die Kälte auf dem Gelände des Konzentrationslagers, aber insbesondere das, was man dort in kurzer Zeit erfahren hatte, setzten vielen zu und die Rückreise wurde ruhiger und nachdenklicher angetreten.
Am 27. Januar meldete sich Bundespräsident Joachim Gauck zu Wort und ließ die Öffentlichkeit wissen: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz." Erinnerung muss sein und sie muss gerade jetzt in einer Welt sein, in der ohne Unterlass Menschen ausgegrenzt, diffamiert und terrorisiert werden.
Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Menschen, die dieses furchtbare Kapitel deutscher Geschichte miterlebt und erleiden mussten.


Die Fachschaft Geschichte an der Siegmund-Loewe-Schule wird auch weiterhin mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam gedenken - selbstverständlich!

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