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15.10.2011 Jugendempfang des Bayerischen Ministerpräsidenten in Naila

„...ich will die Welt auf Kugeln lagern!"

Schülerinnen und Schüler der Siegmund-Loewe-Schule, des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums, des Frankenwald-Gymnasiums und der Maximilian-von-Welsch-Schule sowie des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels fahren gemeinsam zum Jugendempfang des Bayerischen Ministerpräsidenten nach Naila.


- „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen", zitiert die mehrfach ausgezeichnete Poetry-Slam-Poetin Franziska Holzheimer zum Auftakt des Jugendempfangs des Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in der Frankenhalle von Naila jenen berühmt-berüchtigten Satz Walter Ulbrichts und stimmt damit die 370 Jugendlichen aus Bayern und Thüringen auf das Thema dieses Abends ein: Freiheit!

Unter den Zuhörern befinden sich auch sechs Mädchen der Klasse 10c der Siegmund-Loewe-Schule. Ihr Klassenleiter, StR Thomas Hauptmann, hatte sie gefragt, ob sie an einem Freitagabend Lust hätten, diese Veranstaltung zu besuchen. Dass es ausgerechnet diese Sechs sein sollten, hing mit ihrem Engagement aus dem vergangenen Schuljahr zusammen, als sie unter der Leitung von Frau LAV Ute Weigel in der Kronacher Synagoge zum Gedenken an den 9. November 1938 ein Dokudrama über das Schicksal der Kronacher Juden aufführten. Jetzt sitzen Jennifer Kürschner, Nadja Langner, Dorothea Micieli, Julia Rehm, Madlen Sander und Anna Schreiber im Saal an unterschiedlichen Tischen, wo sie im Sinne der Organisatoren im Laufe des Abends mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Regionen Bayern und des Nachbarfreistaats ins Gespräch kommen und zu einem späteren Zeitpunkt ein jugendrelevantes Thema ausarbeiten sollen. Der aus der Sendung Südwind bekannte Moderator Andreas Poll führt durch den Abend. Nach der Kennenlernphase fordert er die Schülerinnen und Schüler auf, die auf den Tischen liegenden TED-Geräte zu testen, die mehrfach zum Einsatz kommen werden. Anhand dreier, über zwei große Bildschirme eingeblendeter Fragen werden die Abstimmungsgeräte getestet. Ob der 1.FC Nürnberg, Bayern München oder Schalke 04 deutscher Fußballmeister wird, lautet die erste Frage, deren TED-Ergebnis keinen Zweifel am Triumph der Münchner Bayern zulässt. Zur Überraschung des Moderators haben sich wohl auch einige Schalke-Fans in die Halle verirrt.

Interessanter wird es dann schon, als Horst Seehofer im Saal namentlich begrüßt wird. Denn nur drei Minuten später möchte Andres Poll wissen, ob der amtierende Ministerpräsident Bayerns Franz-Josef, Edmund, Günter oder Horst heißt. Mit immerhin(!) 82% der abgegebenen Stimmen ist sich die große Mehrheit im Raum sicher, dass die richtige Antwort „Horst" lautet. Der bayerische Landesvater zeigt sich mit diesem Ergebnis sehr zufrieden. Mit der dritten und letzten Frage führt der Moderator direkt zum Thema des Abends hin: Wie lang war die Berliner Mauer? 43 Kilometer umfasste dieser angebliche Schutzwall, von dem Walter Ulbricht einst gesagt hatte, dass er nicht gebaut werden würde. Dieses Zitat greift Franziska Holzheimer auf und verknüpft die für die anwesenden Schülerinnen und Schülern nicht mehr bewusste, längst vergangene Phase der deutschen Geschichte mit dem stets relevanten Thema Liebe. Auf diese Weise gelingt ihr der Brückenschlag, um den oftmals als langweilig gescholtenen Geschichtsunterricht erleb- und begreifbar zu machen. Darum, so Andres Poll weiter, solle es während dieses Jugendempfangs gehen: Geschichte hautnah zu erleben und lebendig werden zu lassen. Auf der Bühne begrüßt der Moderator daher als Ersten Günter Wetzel, der im September 1979 mit seiner und einer befreundeten Familie in einem selbstgebauten Heißluftballon spektakulär aus der DDR geflohen ist. Über eine Videoeinspielung erfahren die Jugendlichen vom Schicksal der Familie Reinhold, die insgesamt dreizehn Fluchtversuche unternommen hatte. Statt nach dem mehrfachen Scheitern aufzugeben, entwickelten sie immer waghalsigere Unternehmen, deren Krönung der Eigenbau eines Flugzeugs war. Doch auch dies schlug fehl. Die Familie, so die anwesende Tochter Ines Andrea Seemüller im Gespräch mit Andres Poll weiter, suchte ihr Heil in der Flucht nach vorne und beantragte kühn beim Staatsrat der DDR das Patent für ihr selbstgebautes Flugzeug. Die Führung witterte dahinter jedoch die Möglichkeit zur Flucht, verweigerte die Zulassung, was Reinholds nicht davon abhielt, eine Angabe nach der anderen zu schreiben. Ihre Hartnäckigkeit quittierte die DDR-Führung mit der Ausweisung der Familie nach Westen.
Die Schülerinnen und Schüler erfuhren aber auch von der damals achtzehnjährigen Frau Seemüller, wie schwierig der Neuanfang in der Bundesrepublik Deutschland war, vor allem wenn Kommilitoninnen ihr als Ostdeutsche mit Vorbehalten begegneten. - Dass Fluchterfahrungen und Fluchtgeschichten keine Themen der Vergangenheit sind, sondern leider traurige Realität, wurde durch Atefa Irahimi aus Afghanistan und Kasrat Hama Salih aus dem Nordirak deutlich. Beide berichteten von ihren Erlebnissen. Die junge Afghanin beschrieb ihre Flucht mit der Familie vor dem Taliban-Regime, während der junge, irakische Student von den Schwierigkeiten erzählte, überhaupt an gültige Ausweisdokumente zu gelangen, um dem Vater in die Bundesrepublik Deutschland zu folgen.
Alle vier Zeitzeugen wurden abschließend gefragt, was für sie Freiheit bedeute. Am eindrucksvollsten fiel sicherlich die Antwort Hama Salihs aus, der nicht nur aufgrund seiner Erfahrungen freies Reisen als wesentlich ansah, sondern den Anwesenden mit auf den Weg gab, dass die Freiheit, die sie leben dürfen, keine Selbstverständlichkeit sei. - „...ich will die Welt auf Kugeln lagern", intoniert Franziska Holzheimer nach dieser beeindruckenden Phase der Zeitzeugen-Interviews und setzt damit lyrisch die Vorgabe um, einen Poetry-Slam zum Thema Freiheit zu gestalten. Sie spricht von Mauern, die man ihr bauen solle, nur um darauf malen zu können, von Käfigen aus lauter Türen, die nie verschlossen sind, von Soldaten, die mit Papierkugeln schießen, in denen Samen sich befinden, sodass Schlachtfelder zu Blumenwiesen werden. Doch sie nennt auch die Schwierigkeiten, die mit einer uneingeschränkten Freiheit verbunden sind. Im Interview im Anschluss bezeichnet sie dies als eine große Paradoxie, die es aufzulösen gelte. Dies greift Andreas Poll auf und übergibt das Mikrofon an Arved Lüth vom response-Team, der nun den weiteren Ablauf des Abends erläutert. Jeder Tisch wird sich - unterstützt von einem Moderator - in den nächsten vierzig Minuten mit einem jugendrelevanten Thema auseinandersetzen. In einer Vorauswahl wurden die folgenden Bereiche ermittelt: Arbeit und Berufsfindung, Schule der Zukunft, Jugendschutz, Zukunft des ländlichen Raums, Engagement und Ehrenamt, Integration und Zusammenleben, Energie und Umwelt. - Die ausgearbeiteten Ergebnisse der einzelnen Gruppen wurden in einer Mappe dem Bayerischen Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle überreicht, der den zwischenzeitlich abgereisten Ministerpräsidenten vertrat. Vorausgegangen war noch die Abstimmung und Prämierung des Siegerfilms aus dem Wettbewerb „60 Sekunden für Freiheit". Nachdem alle Schülerinnen und Schüler ihre Diskussionsrunden abgeschlossen und über ihre ausgearbeiteten Vorschläge abgestimmt hatten, wartete noch eine Stärkung am Buffet auf sie. Man darf gespannt sein, ob es den Jugendlichen an diesem Abend nicht nur gelungen ist, ihre Vorschläge und Ideen an die Politiker weiterzureichen, sondern auch ein ernstes Interesse für ihre Anliegen geweckt zu haben. Vielleicht sind die Schülerinnen und Schüler dann auch einmal die „Supersieger", denn so hieß die Band, die die Veranstaltung musikalisch abrundete.

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