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Siegmund-Loewe-Realschule> Aktivitäten> 2016-17> Jugend im Dritten Reich - Zeitzeuge berichtet
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Zeitzeuge berichtet über "Jugend im Dritten Reich"

„Wir hatten Hunger!"
Der frühere FWG-Lehrer Eckbert Arneth sprach mit Jugendlichen der Klasse 10C über seine Jugend während der nationalsozialistischen Diktatur.

Seine Erinnerungen sind so lebendig wie sein Vortrag. Schon mit seiner Begrüßung hat Eckbert Arneth die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10C für sich eingenommen. Er, der selbst einmal Lehrer war und lange Zeit am Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasium (KZG) unterrichtet hat, stellt Überlegungen an, ob es sich bei seiner Zuhörerschaft um „Damen und Herren" oder „Buben und Mädchen" handelt.
Schließlich bleibt er bei einem einfachen „Schülerinnen und Schüler". Ein Schüler war es dann auch, dessen kurzfristiger Einladung er gefolgt war, um den Jugendlichen etwas greifbar zu vermitteln, was aus der Distanz vieler Jahrzehnte - Gott sei Dank! - nicht mehr nachvollziehbar ist: Jugend im Dritten Reich.

Der verantwortliche Geschichtslehrer der Klasse 10C, Thomas Hauptmann, hatte seinen ehemaligen Geschichtslehrer gebeten, in einem 90-minütigen Vortrag den Schülern einen Einblick, vielleicht auch eine Vorstellung vom Heranwachsen in einer Diktatur zu gewähren.
Dass Diktaturen sehr an der Jugend interessiert seien, war dann auch gleich der Einstieg in die Unterrichtsstunde. Den Machthabern gehe es ausschließlich darum, die Menschen zu gewinnen, die künftig staatstragend sein würden. So sprach Eckbert Arneth als Erstes das Reichsjugendgesetz an, das für jedes Kind und jeden Jugendlichen verbindlich geregelt habe, wo er oder sie sich aufzuhalten habe. Er selbst, Jahrgang 1929, trat wie seine gleichaltrigen Schulkameraden der Hitlerjugend bei, obwohl das eigene Elternhaus hinter vorgehaltener Hand dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstand. Doch all das half nichts, denn es war nun einmal so geregelt! Zweimal wöchentlich, am Mittwochnachmittag und am Samstagnachmittag, ging es zum Dienst, bisweilen sogar am Sonntag von morgens bis in den frühen Abend, da man auf die Kirche in der NS-Zeit keine Rücksicht nahm. Auf dem Dienstplan stand vor allem Sport, insbesondere Leichtathletik, denn mit Blick auf den bevorstehenden Krieg sah man darin die ideale Grundlage für künftige Soldaten.

Arneth demonstrierte im Klassenraum anschaulich, wie er damals anzutreten hatte, und führte weiter aus, dass die Jungen viel singen mussten. Die Textzeilen „Unsere Fahne flattert uns voran. Unsere Fahne ist mehr als der Tod (...)" entlarvte er als furchtbaren Inhalt, den man in die jungen Köpfe hineintrichtern wollte. Ähnliches attestierte er dem politischen Unterricht, den er als Kind als „entsetzlich langweilig" empfunden habe, da es ausschließlich darum gegangen sei, nationalsozialistische Parolen stumpfsinnig zu beherrschen und ideologisch geprägt zu werden. Positives gewannen die Schüler dieser Dienstpflicht nur deshalb ab, weil an diesen Tagen - zum Leidwesen der Lehrer - keine Hausaufgaben erteilt werden durften.

Neben seinem Leistungsbuch Sport zeigte er den Schülerinnen und Schülern auch sein Schießbuch, in dem unter anderem vermerkt worden war, dass er sich als Elfjähriger im Schießen ausgezeichnet habe. Mit Beginn des Krieges, so Arneth weiter, wurden diese regelmäßigen Schießübungen immer seltener, da alle kriegswichtigen Gegenstände an die Front gebracht wurden.

In einem derartigen System, das den Einzelnen seine Individualität zu rauben versucht, herrscht natürlich eine strenge Rangordnung, die sich in Begriffen wie Scharführer, Fähnleinsführer und Bannführer ebenso widerspiegelt wie in einer totalen Überwachung - verbunden mit empfindlichen Strafen. Auf Nachfrage berichtete Arneth, dass er einmal wegen einer Äußerung auf einer Postkarte bestraft worden sei, da man darin einen Angriff auf den Nationalsozialismus gesehen habe.

Mit dem Kriegsbeginn änderte sich vieles schlagartig. Besonders seien ihm die Bombennächte in Erinnerung geblieben, wenn in den Jahren 1944 und 1945 riesige Bomberflotten über die Stadt Bamberg hinwegflogen. Deren sonores Brummen ebbte stundenlang nicht ab.
Arneth berichtete von den Treffern in seiner Heimatstadt und stellte heraus, dass man von dort den Feuerschein der verheerend getroffenen Stadt Würzburg in 60 Kilometern Entfernung gesehen habe.

Von Januar 1944 an bis in den April hinein wurde der Unterricht langsam abgebaut und schließlich komplett eingestellt. Lediglich zur Brandaufsicht wurde die Hitlerjugend in die Schulgebäude abkommandiert.

Die anrückenden Amerikaner änderten am 22. April 1944 alles. Besonders seien ihm die vierradgetriebenen Willy's Jeeps in Erinnerung geblieben, auf denen die Soldaten ebenso lässig saßen wie auf ihren Panzern, ein Bild, das man so gar nicht von den Soldaten der Wehrmacht gewöhnt gewesen sei. Die Amerikaner richteten für die unterernährten Kinder und Jugendlichen Schulspeisungen ein, denn „Wir hatten Hunger!".
Arneth beschrieb die materielle Not dieser Zeit eindringlich und erläuterte, wie seine Mutter zu Hause das Brot rationierte. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute vieles wahrnehmen würden, habe es nicht immer gegeben. Vieles, so stellte er heraus, habe man den Amerikanern zu verdanken, die schon beim Einmarsch in die Stadt Bamberg den am Straßenrand stehenden Kindern „die herrlichsten Sachen" aus ihren ungewöhnlichen Umhängetaschen zugeworfen hätten.

Mit diesem Bild entließ der Referent die Schüler in die Pause, die sich jedoch vorher noch ganz herzlich bei ihm bedankten für diesen authentischen und unwahrscheinlich lebendigen Blick zurück in eine dunkle Zeit und einen beschwerlichen Neuanfang, den man nie vergessen sollte.

red

 

 

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