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Siegmund-Loewe-Realschule> Aktivitäten> 2013-14> Nacht der Kirchen
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Europa am Abgrund - Krieg, stell dir vor, er wäre hier!

Schulspieler/ innen lesen zur „Nacht der Kirchen“ Janne Tellers Buch in der Spitalkirche im Rahmen von „Kronach leuchtet“

Als Janik sich in seiner Bank in der Spitalkirche erhebt, ist das Gesicht des Zehntklässlers hinter einem schwarzen Halstuch nicht mehr zu erkennen. Neben ihm steht sein Klassenkamerad Florian, dessen Augen durch eine schmale Öffnung in seiner Sturmhaube blicken. Gemeinsam treten sie – dunkel und militärisch gekleidet – in den Mittelgang und schreiten vor zum Altarraum. Während sich Janik mit seiner Pistole groß hinter der am Ambo stehenden Eva aufbaut, fordert Florian mit einer raschen Bewegung seiner Schusswaffe Jana, Victoria, Rebecca und Jasmin auf, nach draußen in die Sakristei zu gehen. Als er wenige Augenblicke später zurückkommt, ist er allein. Beide Jungen wenden sich nun an die Zuschauer und sagen: „Krieg, stell dir vor, er wäre hier!“

Mit diesen Worten endete am vergangenen Freitag, den 16.5.2014, der Beitrag der Schulspielgruppe zur „Nacht der Kirchen“ im Rahmen von „Kronach leuchtet“. Die fünf Mädchen lasen aus Janne Tellers gleichnamigen Buch vor und forderten die Anwesenden zu einem Gedankenexperiment auf: Wohin würdest du gehen, wenn deine Heimat durch Krieg zerstört und die Sicherheit für dich und deine Familie nicht mehr gewährleistet wäre?

Die dänische Autorin, bekannt durch ihren Roman „Nichts“, entwirft ein Szenario, in dessen Verlauf es u.a. darum geht, wie wir Deutsche uns fühlen und was wir erleben würden als Asylsuchende in der uns aufnehmenden arabischen Welt – dem einzigen nächstgelegenen, sicheren Ort.

Dem Ganzen schickt sie den Zusammenbruch der Europäischen Union voraus, ein Zusammenbruch, ausgelöst durch den Umstand, dass Deutschland in der EU nicht mehr mitmachen wollte. Obwohl der Text zunächst nicht mehr sein will als die Aufforderung zum Perspektivenwechsel, so ist er vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse brennender denn je: Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschwören Politiker in der Ukraine den drohenden dritten Weltkrieg herauf. Im Südsudan sterben Menschen im Bürgerkrieg um die Macht in diesem noch jungen Land. Syrien, das in den Nachrichten mittlerweile nur noch am Rand erscheint, erstickt in einer blutigen Auseinandersetzung. Die Liste ließe sich leider beliebig lang fortsetzen. – In der Zwischenzeit sterben vor der Küste Italiens immer noch hunderte von Menschen bei ihrem Versuch über das Mittelmeer nach Europa zu kommen – in das gelobte Land, wo man im Zuge des Wahlkampfs u.a. politisches Kapital aus einer fragwürdigen Debatte um das Grundrecht auf Asyl schlagen will.

Das klingt alles ziemlich provokant, muss es aber wohl bisweilen sein, damit wir einerseits schätzen lernen, was wir haben, und andererseits die nicht vergessen, die sich nichts mehr als das sehnlichst wünschen.

Janik drückt mit seiner Pistole Eva zu Boden, während Florian mit dem Lauf seiner Waffe vier Kerzen – Lebenslichter – auslöscht. Die Lesung ist zu Ende. Die Zuschauer überlegen kurz, ob man in diesem nachdenklichen Moment überhaupt applaudieren dürfe. Am Ende erklingt dann doch der Applaus, in den sich für die Akteure die Hoffnung mischt, den Zuschauern ein paar Gedanken mitgegeben zu haben auf ihrem weiteren Weg durch die „Nacht der Kirchen“.

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