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Siegmund-Loewe-Realschule> Aktivitäten> 2010-11> Projekttag Geschichte
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Gemeinsame Veranstaltung des Aktionskreises Kronacher Synagoge, der Fachschaft Geschichte und der Schulspielgruppe der Siegmund-Loewe-Schule zum 9. November 1938

Anna Schreiber liest


Und plötzlich ist alles anders!


Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus hatte in einem Rundschreiben dazu angeregt, dass sich die Schulen in Bayern auf besondere Weise, nämlich in Form eines Projekttages, mit dem deutschen Datum des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen sollen - dem 9. November. Geschichtlich Interessierte wissen, dass am 9. November 1918 der SPD-Politiker Philipp Scheidemann die Republik ausgerufen hatte, die später als Weimarer Republik ihren festen Platz in den Geschichtsbüchern finden sollte; schon allein deshalb, weil ihre Existenz von Anfang an sowohl von links als auch von rechts bedroht war. Denn am 9. November 1923 versuchte Adolf Hitler mit politisch Gleichgesinnten wie dem berühmten General Ludendorff in Bayern zu putschen. Das Unternehmen schlug fehl, Hitler wurde in Landsberg inhaftiert und beschloss nach seiner relativ kurzen Haft „Politiker zu werden". Nachdem er am 30. Januar 1933 das Amt des Reichskanzlers übernommen hatte, änderte sich sehr schnell das Leben in Deutschland. Die nationalsozialistische Ideologie erfasste alle Lebensbereiche und gipfelte schließlich in ihrem grenzenlosen Hass auf die Juden. - Dies fand in den Dreißiger Jahren seinen vorläufigen Höhepunkt in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, als Schergen des nationalsozialistischen Regimes Synagogen in Brand steckten, jüdische Wohnungen und Geschäfte stürmten, Juden verschleppten, verletzten und ermordeten. Und obwohl das 20. Jahrhundert mit dem 9. November 1989 - dem Fall der Mauer - ein weiteres Datum von historischer Bedeutung bereithält, entschied sich die Fachschaft Geschichte an der Siegmund-Loewe-Schule jedoch dafür, an jene Zeit zu erinnern, als man jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Opfern einer verblendeten, unmenschlichen und verachtenswerten Ideologie machte.
Am Anfang war es nur eine vage Idee, die der Fachschaftsvorsitzende Geschichte, RSL Thomas Hauptmann, seiner Kollegin, LAv Ute Weigel, unterbreitete. Ihre Begeisterung und ihre spontanen Ideen sorgten jedoch dafür, dass binnen weniger Minuten aus einer einfachen Unterhaltung im Lehrerzimmer ein Grundkonzept für eine Gedenkveranstaltung geboren war. Mit dem ehemaligen Konrektor der Siegmund-Loewe-Schule und 3. Vorsitzenden des Aktionskreises Kronacher Synagoge, Herrn Peter Steinhäußer, war auch augenblicklich ein interessierter und begeisterter Unterstützter dieses Projekts gefunden. Er klärte umgehend, ob an diesem Dienstag, 9. November 2010, die Synagoge vormittags frei wäre, und kümmerte sich in der Folgezeit umsichtig und sehr rührig darum, dass organisatorische Probleme keine Chance hatten zu entstehen.
Ausgangspunkt für die Arbeit war das Buch „Ein Stück Matzen, Nachbarin - Erinnerungen an die jüdischen Familien in Kronach" des ehemaligen Kronacher Realschullehrers Christoph Zeckai. Die 2. erweiterte Auflage sollte am 16. November 2010 in der Kronacher Synagoge vorgestellt werden. Den Verantwortlichen des Projekttages lag jedoch vorab schon ein Exemplar vor. Die darin geschilderten Schicksale der Kronacher Juden sollten nun in einer Art Dokudrama anschaulich dem Zielpublikum aus Schülerinnen und Schülern der 10. Jahrgangsstufe präsentiert werden. Aus den Reihen der Schulspielgruppe fanden sich Jennifer Kürschner, Nadja Langner, Dorothea Miceli, Julia Rehm, Madlen Sander und Anna Schreiber sofort bereit, dieses Vorhaben zu unterstützen. Vier der sechs Mädchen aus der Klasse 9c erhielten bearbeitete biografische Texte zu vier ausgewählten Schicksalen aus Christoph Zeckais Buch. Die vom Fachschaftsvorsitzenden getroffene Auswahl fiel auf Dr. Theodor Bamberger, Ludwig Lamm, Selma Tannenbaum sowie Ernst Löwy. Anna Schreiber fungierte als Sprecherin, während Julia Rehm im Verlauf des Dokudramas für das Anheften der Judensterne verantwortlich war. - In denkbar kurzer Zeit wurden die sechs Mädchen von Frau LAv Ute Weigel im Rahmen einer Sonderveranstaltung des Wahlfaches Rhetorik in das richtige Sprechen, Aufstehen, Stehen und Gehen bei einer solchen Veranstaltung eingeführt. Ausgesprochen diszipliniert setzten die Sechs die Vorgaben um.
Am Veranstaltungstag fanden sich alle morgens um 8:00 Uhr in der Synagoge ein und halfen beim Aufbau der Sitzreihen, aber auch beim Anbringen der Fotografien, die jüdische Wohnungen und Geschäfte im Stadtgebiete von Kronach zeigten. Zum Bühnenbild des Dokudramas gehörte im Mittelgang zwischen den Stuhlreihen der Schriftzug „Kulmbacher Straße", dies war der Sammelplatz für alle Kronacher Juden. Von dort aus wurden sie deportiert! - Des Weiteren hatten die Akteure eine 25 Meter lange Eisenkette um die Zuschauer gelegt. Sie symbolisierte sowohl das Ausgrenzen und Wegsperren der Juden als auch die Tatsache, dass alle anderen Deutschen in diesem menschenverachtenden System gefangen waren.
Um 9:30 Uhr fanden sich die Klassen 10a und 10b mit ihren begleitenden Lehrkräften, Herrn RSL Dr. Albrecht Hofmann und Frau RSLin Alexandra Pfaff, in der Kronacher Synagoge ein. Im zweiten Durchgang ab 11.15 Uhr trafen die Klassen 10c und 10d mit ihren beiden Klassenlehrern, Herrn SR Steffen Rost und Herrn RSL Holger Wicklein am Veranstaltungsort ein. Ungewöhnlich war für die Schülerinnen und Schüler nicht nur das Bühnenbild, sondern auch der Umstand, dass vier der sechs Mädchen, gekleidet in Weiß und Schwarz, mitten unter ihnen saßen. Keiner der Zuschauer wusste, was nun folgen würde. - Nach einer kurzen Begrüßung durch den Fachschaftsvorsitzenden, RSL Thomas Hauptmann, übergab dieser an Herrn Peter Steinhäußer, der nun einige Worte über das Gebäude sowie über die soziale Stellung der Juden in Kronach verlor. Er unterstrich dabei in seinem Vortrag, dass es sich um angesehene Bürgerinnen und Bürger der Stadt handelte, die Dialekt sprachen und selbstverständlich mit Bürgerinnen und Bürgern anderer Konfessionen verkehrten. Herr Steinhäußer nannte in diesem Zusammenhang u.a. den Arzt Dr. Bamberger, aber auch den Viehhändler Lamm oder den Metzger Tannenbaum. Diesen Männern und Frauen galt es nun, eine Stimme zu geben!
Als Erste erhob sich Madlen Sander, deren Aufgabe es war, die Lebensstationen von Dr. Theodor Bamberger Revue passieren zu lassen. Wie die Mädchen nach ihr, tat sie dies in der Ich-Form, sodass der Eindruck entstand, dass der ehemalige Kronacher Arzt selbst zu den Anwesenden sprechen würde. „Und plötzlich ist alles anders!", hieß es auf einmal, nachdem man erfahren hatte, dass diesem Mann im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz verliehen worden war, dass er unzähligen Kronacherinnen und Kronachern als Geburtshelfer „ans Licht der Welt" geholfen und dass er unbescholten und sehr angesehen in den Mauern der Stadt Kronach gelebt hatte. Mit einem Mal musste er einen Judenstern tragen. - Völlige Stille herrschte im Raum, als sich die ganz in Schwarz gekleidete Julia Rehm erhob, zu Dr. Theodor Bamberger in Gestalt von Madlen Sander lief und ihm den gelben Stern anheftete. Dann erst fuhr die Sprecherin fort, berichtete von Schikanen, der zwangsweisen Aufgabe des Berufs und der Wohnung, von einem Leben im sozialen Abseits, Einkäufen im Dunkeln und von Misshandlungen. - Und dann kam der 24.4.1942. Alle Kronacher Juden hatten sich auf dem Sammelplatz in der Kulmbacher Straße zum Abtransport einzufinden. Wieder herrschte eine angespannte und teilweise beklemmende Atmosphäre, als die Schülerin aus ihrer Sitzreihe heraus auf den Gang trat und langsam zum Mittelgang ging, wo in großen Buchstaben auf dem steinernen Boden der Schriftzug „Kulmbacher Straße" prangte. Dort erst erhob sie wieder ihre Stimme und nannte die Stationen des Transports und sprach davon, wie die jüngere Schwester Ida verloren ging. Dann hörte man Dr. Theodor Bamberger nur noch sagen, dass er ins Todeslager nach Treblinka gebracht wurde. Wieder schritt die Schülerin an den Zuhörerinnen und Zuhörern vorbei und stellte sich an die Seite hinter die eiserne Kette. - Dann vernahmen die Schülerinnen und Schüler der 10. Jahrgangsstufe die Stimme von Anna Schreiber, die ihnen mitteilte, dass Dr. Theodor Bamberger in Treblinka ermordet worden sei.
Diesen Ablauf behielten die Verantwortlichen des Projekttages auch für die drei anderen ausgewählten Schicksale bereit. Dorothea Miceli lieh dem Viehhändler Ludwig Lamm ihre Stimme, einem Mann, der mit seiner Frau Frieda im Sammellager Izbica verschollen ist. Aufwühlend an seiner Geschichte war sicherlich die Passage, als er über das Schicksal seiner beiden Kinder berichtete, denen es verboten war, eine öffentliche Schule weiter zu besuchen. Aufwühlend auch deshalb, weil ein Freund des Sohnes Siegfried lange Zeit versuchte, diese Freundschaft zu pflegen, aber machtlos gegen die vorherrschende, antisemitische Stimmung war.
Nadja Langner stellte Selma Tannenbaum dar, die mit ihrem Mann Max eine Metzgerei in der Lucas-Cranach-Straße betreibt. Nach dem Berufsverbot helfen Kronacher Innungskollegen dem jüdischen Metzger dabei, den Betrieb heimlich weiterzuführen. Strafanzeigen für diesen Freundschaftsdienst waren die Folgen. Max und Selma Tannenbaum sind ebenfalls im Sammellager Izbica verschollen. Ihre Tochter Frieda wird in Auschwitz ermordet. Ihr Sohn Leo wanderte nach Palästina aus. Die jüngste Tochter, Hannchen, überlebt die Lager, kehrt für vier Jahre nach Kronach zurück, bevor sie mit ihrem Mann in die USA auswandert.
Bewusst gewählten Schlusspunkt in dieser Reihe aus Einzelschicksalen bildete Ernst Löwy, dessen Schicksal Jennifer Kürschner vortrug. Ernst, blond und blauäugig, ist fünfzehn Jahre alt, als er in der Schule die Schikanen erdulden muss, die allen Juden in dieser Zeit drohten. Auch ihm wird es verboten, weiter eine öffentliche Schule zu besuchen. Er wird zusammen mit seinem Onkel und seiner Tante deportiert. Die Drei sind im Sammellager Izbica verschollen. Ernst ist damit das jüngste Opfer aus Kronach, ein junger Mensch im gleichen Alter wie die Schülerinnen und Schüler, die bei diesem Projekttag von seinem kurzen Leben etwas erfahren.
Der Projekttag endete um 12:00 Uhr. Der Fachschaftsvorsitzende Geschichte bedankte sich bei den beiden Vertretern des Aktionskreises Kronacher Synagoge, Frau Gisela Zaich und Herrn Peter Steinhäußer. Dank galt auch Frau LAv Ute Weigel, deren vorbereitende Arbeiten mit den sechs Schülerinnen während des Projekttages beeindruckende Früchte trugen. Daher gebührte diesen Sechs auch ein ganz besonderes Dankeschön, für ihre Bereitschaft zum Mitmachen, ihr Engagement weit über das Unterrichtsgeschehen hinaus und ihre hervorragende Präsentation.
Dem Ziel, diesen Projekttag zu einer dauerhaften Einrichtung im Terminplan der Siegmund-Loewe-Schule zu machen, waren alle Beteiligten an diesem 9. November einen großen Schritt näher gekommen. HPM

Gruppenbild mit Frau Weigel und Herrn Hauptmann
Vortrag Herr Steinhäuser

Die Neue Presse hat die mitwirkenden Schülerinnen nach ihren Eindrücken bei der Aufführung des Doku-Dramas befragt.

"Ich habe mich sofort dazu bereit erklärt, an dem Schulspiel mitzuwirken. Es ist ein wichtiges Thema, das man mit Respekt umsetzen sollte. Das ist uns - glaube ich - ganz gut gelungen. Ich fand es erstaunlich, wie still es in der Synagoge war und wie aufmerksam die Schüler waren."

"Ich war etwas skeptisch, wie die Zehntklässler auf unser Dokudrama reagieren würden. Es hat mich sehr gefreut, wie viel Respekt sie uns Schulspielerinnen und damit auch in gewisser Weise den jüdischen Opfern entgegen gebracht haben."

"Wir wollten die Geschichte der Kronacher Juden realitätsnah darstellen und damit aufrütteln, damit dieses Kapitel der Geschichte nicht vergessen wird und hoffentlich so nie wieder stattfindet. Herr Hauptmann hat uns gefragt, ob wir mitmachen würden. Für mich war das keine Frage, sondern eine Selbstverständlichkeit.

"Unser Ziel war es, die jüdischen Opfer "lebendig" darzustellen. Das ist viel eindringlicher, als wenn man das Thema trocken und anonym im Geschichtsunterricht behandelt. Die Schüler waren sehr gespannt, was denn da jetzt passieren würde. Als sich dann die erste Schulspielerin erhoben und das Sprechen angefangen hat, war ein richtiger "Aha-Effekt" zu spüren. Ich glaube, das Projekt ist allen Beteiligten - Schulspielerinnen wie Publikum - sehr zu Herzen gegangen."

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